Und wieder Der Untergang

Joachim Fest, Bernd Eichinger, Der Untergang

Der Tod von Bruno Ganz hat mich ganz schön geschockt. Nein, damit hatte ich nicht gerechnet. Künstler, die dir – wie auch immer –  etwas bedeutet haben, die dich selbst gar nicht kennen, die dennoch  wichtig für dich sind – sind dann plötzlich nicht mehr da. Jeder hat seine eigene Form der Trauer, mancher kehrt sie nach innen, mancher ist laut und öffentlich.

Ich habe die Leseschwäche und bei Ganz sofort an Der Untergang gedacht, bin zu meinem Bücherregal gegangen und habe das Filmbuch hervorgezogen. Das enthält das von Oliver Hirschbiegel umgesetzte  Drehbuch von Bernd Eichinger, viele Szenenbilder, vor allem aber auch den Text von Joachim Fest, der – gemeinsam mit den Erinnerungen von Traudl Junge – Grundlage für den Film wurde.

Dabei kann ich mir – ehrlich gesagt – überhaupt nicht vorstellen, wer oder welcher Schauspieler diesen größten Dämon des 20. Jahrhunderts besser oder authentischer hätte spielen können. Eben nicht als Satire, was meines Erachtens ohnehin nur bei Ernst Lubitsch funktioniert hat. Die Anfangsszene von To be or not to be ist in dieser Hinsicht unerreicht: Hitler läuft durch die Stadt und ist – ein Schauspieler. Oder bei Charlie Chaplin vielleicht, der die Weltkugel balanciert, neuerdings (weniger in der Filmadaption) bei Er ist wieder da und der Hörbuchversion mit Christoph Maria Herbst. Aber Ganz ist eben nicht lustig.  Und so wird Fest im Filmbuch dann ja auch zitiert: „Das ist wirklich Hitler – wenn man ihn sieht, beginnt man zu frieren.“  Dass Ganz den Vorwurf hören musste, er habe Hitler als Menschen dargestellt, hatte mich schon damals gewundert – die Palette des Mensch-Seins ist eben groß.

Ich werde mir Der Untergang demnächst wieder ansehen, empfehle hier aber ausdrücklich Fests historische Skizze, die den Wirklichkeitssturz zwar schon in der „Niederlage vom Herbst 1918“ sieht, sich aber auf die letzten Tage im Führerbunker konzentriert. Ich denke schon, dass Fest nah dran ist, wenn er etwa über Hitler schreibt:

Nach dem Ende der Besprechung kam Hitler als letzter aus dem Konferenzraum. Er trat auf Otto Günsche zu und wiederholte, dass er  den Russen weder tot noch lebendig in die Hände fallen dürfe. Er werde sich,  nicht anders als das „Fräulein Braun“, wie er charakteristischerweise immer noch sagte, selbst das Leben nehmen. Er wolle verbrannt werden und für immer unentdeckt bleiben.

Genau so taucht es dann übrigens auch im Drehbuch auch, wenn Hitler mit dem Adjutanten Günsche spricht: „Ich will sofort verbrannt werden und für immer unentdeckt bleiben.“ Das Drehbuch selbst macht eindrucksvoll  deutlich, wie bar jeder Realität die handelnden Figuren agieren, in der Selbstexekution vieler auch das Unvorstellbare, in einer Welt ohne Nationalsozialsimus zu leben. So kann Propaganda funktionieren – eigentlich ungalublich, hier aber erklär-, wenn auch nicht nachvollziehbar. Zu den beklemmenden Szenen gehört natürlich die Ermordung der Goebbels-Kinder, wobei die „Begründung“ von Magda Goebbels im Fest-Text  aus einem überlieferten Brief  kommt und an dieser Stelle kaum einen Film braucht, um  einmal mehr fassungslos zu machen.

Es gab für mich keine Überlegung. Unsere herrliche Idee geht zugrunde, mit ihr alles, was ich Schönes, bewundernswertes, Edles und Gutes in meinem Leben gekannt habe. Die Welt, die nach dem Führer und dem Nationalsozialismus kommt, ist nicht wert, darin zu leben, und deshalb habe ich die Kinder hierher mitgenommen.“

Im Tod sieht sie Erlösung.

Dass ich Ganz zuerst mit Der Untergang verknüpfe, ist wahrscheinlich nicht gerecht – unzählige Rollen hat er gespielt, war neben Hitler Hamlet und der Opa von Heidi. Leseschwäche ist aber nunmal ein sehr persönlicher Blog.   Und diese extrem schwierige Rolle fand ich -wie gesagt – klasse umgesetzt. Übrigens auch alle andere Rollen dieses bestbesetzen Films.  Bruno Ganz, geboren am  22. März 1941 in Zürich, starb am  16. Februar 2019 in  Wädenswil.

 

Joachim Fest, Bernd Eichinger, der Untergang, Das Filmbuch,  herausgegeben von Michael Töteberg, Rowohlt Taschenbuch Verlag,  Hamburg 2004

 

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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