Riesen über dem Vulkan

Robert Harris, Pompeji

Wie nur wenige verknüpft Robert Harris historische Fakten mit Fiktion. Das macht er in Vaterland so gut, dass man ihm abnimmt, Hitler habe  1945 überlebt, die Nazis seien  weiter an der Macht und hätten  das politische Leben im Deutschland der fünfziger Jahre im Zangengriff . Was zunächst übertrieben und hanebüchen klingt, funktioniert innerhalb der Geschichte ungemein gut. Bei Pompeji ist das genauso.

Straff erzählt Harris die Geschichte des Vesuv-Ausbruchs im Jahr 79 nach Christus, vor, während und kurz nach der Katastrophe. Die Handlung konzentriert sich auf vier  entscheidende Tage.  Held ist der junge Wasserbaumeister Atilius, der die Wasserversorgung der defekten Aqua Augusta wieder sicherstellen soll. „Er war ein praktischer Mensch  und hatte nie viel übrig für die Phantasienamen, die sich manche seiner Landsleute zulegten.“ Also kein Lupus, kein Panthera, kein Leopard. Atilius ist anders als die anderen, einer, der am Boden geblieben ist. Ja, auch seine Bauwerke (oder jenes, über das er jetzt die Aufsicht führt) zwingt die Natur in Bahnen, um Menschen (welchen auch immer) Wasser zu geben.  Aber es ist eben nicht wie bei Ampliatus, der vor seinem Protzbau alle möglichen Arten von Fischen mit großem Kostenaufwand an der Küste vor der Villa hält.

Dass sein Vorgänger verschwunden ist, verleiht Atilius ungewollt detektivische Züge – irgendwas stimmt nicht mit Exomnius, aber auch mit Corax, der den Trupp in der Vakanz geführt hat,  und mit den Städtern: in Misenium und in  Pompeji, der Stadt der Glücksritter. Da gibt es „die üblichen Belustigungen auf dem Forum, angeblich von Pompidius bezahlt,  in Wirklichkeit aber von Ampliatus finanziert – ein Stierkampf, drei miteinander kämpfende Gladiatoren, einige Boxer im griechischen Stil.“ Alltag sei das, „nichts Besonderes“. Und dann die vielen Vorzeichen, fast schon biblisch: „Atilius fiel auf, dass über dem Vesuv ein Stern zum Vorschein gekommen war.“ Und: „Bisher hatte er den Berg noch nie angesehen, und schon gar nicht aus diesem Blickwinkel.“

Der Blickwinkel ist interessant. Die da oben sind angesichts der Natur unten – diese Perspektive gefällt mir an Pompeji. Vielleicht will uns Harris lehren, dass Dekadenz nicht funktioniert, dass sie auf den ersten Blick ein lebenswertes Modell für Priviligierte ist, ein Modell, von dem sich solche Leute leicht verführen lassen, die weder rechts noch links gucken, sich selbst (und nur sich selbst) im Blick haben. Sie bauen ihre  Welt, nur im eigenen Kosmos scheinbar sicher, verklärt aber in ihrer Version der Wahrheit, irrational, schlimmer noch: verachtend, unmenschlich.  Und mit diffusen Ängsten bitter gemacht, vor Menschen, vor Machtverlust, vor dem Anderssein. Diktaturen funktionieren so, oder besser: sie „funktionieren“ im Sinne der Machthaber für eine gewisse Zeit. Die Nazis passen in diese abstruse Konstruktion, die Bonzen der DDR, die Kims in Nordkorea, vielleicht auch Trump und seine Gefolgsleute. Diejenigen also, die es tatsächlich geschafft haben, in den innersten Zirkel der Macht zu kommen, mehr noch: Macht zu verkörpern, Macht zu sein. Vielleicht kann man auch eine Nähe zu den politischen Verhältnissen in Deutschland interpretieren, zu denen, die gerade mal „nah dran“ sind – aber dazu ist die AfD wohl zu tumb. Denn ja: Tumbheit gibt es in Abstufungen, Tumbheit kann gefährlich und sogar tödlich sein.

Die Bezüge zu vermeintlich aktuelleren Zeiten stellt  Harris immer wieder her – nicht nur, wenn er die Erkenntnisse neuerer Vulkanologie zitiert. Tom Wolfe und Hooking up wird herangezogen, wenn es um den Beginn des dritten Jahrtausends und  die „amerikanische Überlegenheit in allen Belangen der Naturwissenschaft, Wirtschaft, Industrie, Politik, des Handels, der Medizin, der Technik, des gesellschaftlichen Lebens, der sozialen Gerechtigkeit und natürlich des Militärwesens“ geht.  „Total“ und „unzweifelhaft“ sei das, hatte Wolfe geschrieben.  Für Harris ist das wohl ein ironisierendes Motto, eingespielt zwischen Vorbemerkung des Autors und der eigentlichen Geschichte, die also am 22. August 79 beginnt.

Fest steht, dass ein Schriftsteller auf solche Gesellschaftsbilder kreativ reagieren kann: einer  wie Harris. Er kann das außerhalb der Zeit, wertig 2004, als das Buch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde, wertig danach, heute. Das macht diesen Roman aus: Mir gefällt, dass die dekadente Welt (da haben wir es wieder) „funktioniert“, da die hehren Architekten ein System gebaut haben, dass den Moloch von außen versorgt, in diesem Fall mit Wasser. Wenn diese Lebensader abgeschnitten ist, bricht alles zusammen. Wenn der Baumeister gemeuchelt wird, kann ein Nachfolger nur noch kitten, er kann nicht mehr retten.

Insofern ist die Aqua Augusta als Vorbote der ganz großen Katastrophe prädestiniert. Der Mensch nutzt die Natur, um sich selbst zu versorgen. Dann missbraucht er das Geschaffene, indem er – im übertragenen Sinn – noch eine Therme und noch eine Therme baut. Wie menschenverachtend  ein solches System ist, zeigt die beklemmende Szene, in der Ampliatus einen Sklaven töten lässt, ihn den Muränen vorwirft, weil er einen Schuldigen für den Schwefelgestank des Wassers gesucht hatte.

Wer will, kann die naive Interpretation des Bautrupps von Atilius, dass die „Riesen aus dem Versuv“ aufsteigen, auch wörtlich nehmen. Gegen die Riesen kommt dann niemand mehr an. Vielleicht nur noch einer, der so modern und gerecht ist wie Atilius, vielleicht so wie Corelia – doch wird die Zukunft, in die sie den Gerüchten nach gehen, wirklich besser?

Und so lese ich Pompeji auch als Warnung oder besser: als Mahnung. Nicht weil die Welt wie bei den Maja untergehen würde oder eine kleine Welt wie die Titanic untergegangen ist, aber: als einen freundlichen Hinweis darauf, ein gutes und gerechtes Leben zu führen.  Harris hebt seinen Roman über die Katastrophenfilme hinaus. Dabei ist die Beschreibung des Schreckens nicht minder beeindruckend. Sie gewinnt durch den beklemmenden Hintergrund. Und sie gewinnt durch die Brücke in die Jetzt-Zeit. Atilius scheint – ohne dass er es wirklich weiß – viel von diesen Erkenntnissen bereits zu ahnen. Als Einzelgänger ist er ein Wanderer zwischen den Zeiten.

Robert Harris, Pompeji, übersetzt von Christel Wiemken,  Heyne 2003

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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