Rasend durchs Mittelalter

Sabine Weiß, Die Arznei der Könige

Das hat mir gefallen: eine Geschichte an realen Orten, an Orten, die ich auch heute noch besuchen könnte. Sabine Weiß lädt in Die Arznei der Könige zur Spurensuche ins Mittelalter ein und plant schon mal deine nächste Wandertour.

Zunächst allerings „nur“ virtuell (weil es schneller geht): Denn ich bin während der Lektüre durchaus auf  Wikipedia zwischengelandet, um mich über Ebbekestorpe in der Lüneburger Heide zu informieren, jenem Ort also, in dem die Geschichte 1318 nach dem anfangs hell gezeichneten Prolog beginnt.  Es handelt sich natürlich um Kloster Ebstorf, um 1160 als Chorherrenstift St. Mauritius gegründet, berühmt noch heute durch die Mappa Mundi, die Ebstorfer Weltkarte, größte Karte des Mittelalters, fatalerweise verbrannt beim Bombenangriff auf Hamburg 1943.

Aber um die Karte geht es wirklich nur am Rande. „Außerdem mochte sie die große Weltkarte, die die Hauptwand bedeckte. Das einzigartige Stück diente der Andacht und der Lehre.“

Weiß erzählt eine Geschichte mit Medicus-Motiven, hier aus weiblicher Sicht, was die Sache auch deshalb interessanter macht, da einige Herren als – ich muss es einfach so schreiben – ausgesprochene Arschlöcher gezeichnet werden. Eigentlich hatte Jakoba längst ihre Berufung als eine Art  Krankenpflegerin im Kloster gefunden. Doch die Lernende Heilerin hat von Anfang an schlechten Umgang mit Männern, die sie als schmückendes Beiwerk halten oder sie gar verkaufen wollen.

Der mittelalterliche Mann hat doch arge Probleme mit selbstbewussten Frauen und manchmal mag man als Leser verwundert sein, wie viel Mittelalter auch in uns steckt, nur vielleicht etwas subtiler und nicht so tumb drohend mit dem Scheiterhaufen, eher mit geschriebenen und ungeschriebenen Sitten und Gesetzen. Wir lernen eben nur sehr langsam.

Als „Urtyp“ wäre zunächst  der Bruder Anno  zu nennen, der Jakobas persönliche Lebensplanung überhaupt nicht teilt. „Er hielt Sauhunde, Hetzhunde und Lochhunde in seinem Zwinger und ließ sie besser versorgen als sein Gesinde.“  Er entführt sie aus dem Kloster und zwingt sie in die Ehe mit dem brutalen Geverhard: „Du kannst dich glücklich schätzen, dass ich eine angemessene Ehe für dich arrrangiert habe.“  Von dem wird sie durch einen „Unfall“ erlöst, der aber so aussehen könnte, dass sie ihn umgebracht hat. In Wirklichkeit hatte Geverhard wieder versucht, seine Frau zu vergewaltigen, wie schon so oft. Doch diesmal wehrt sie sich, Geverhard stürzt. „Platschend traf sein Körper auf das Wasser, dann krachte er mit dem Schädel auf den Rand des Badezubers.“  Auf jeden Fall bleibt nur die Flucht, auch und jetzt ganz besonders vor ihrem Bruder.

Dass es  die „guten Männer“ gibt, manifestiert sich im Medicus Arnold, der Jakoba (ob mit oder ohne Plan)  aus den Fängen des Bruders  rettet und ihr die sagenhafte Wirkung von Theriak vermittelt, frühmedizinisch vielleicht das Ei des Kolumbus, nicht weniger als eine Universalmedizin, die gegen jede erdenkliche Krankheit hilft.

Ihre Reise führt Jakoba weiteren mit Gefährten nach Venedig. Gut vorstellbar ist die Stadt für Heutige, viele Gebäude, die wir als modern Reisende vielleicht kennen, waren schon da. Und bei aller Dramatik erfahren wir Dolce Vita: „Im Badehaus ließen sie sich nach allen Regeln der Kunst verwöhnen.“ Weiß lässt ihre Figuren in Venedig tanzen. Immer wieder. Ärgerlich, dass Arnold, den Jakoba später als Ziehvater bezeichnen wird und der sich mit besagter Arznei der Könige einen Namen gemacht hat, im Schatten des Dogenpalast gemeuchelt wird. Nicht allerdings, ohne die nächste Station der Reise zu offenbaren: Frankreich. Und wenn sie dort tatsächlich einen König behandelt, darf eben nichts schief gehen – und auch Zweifel müssen im Keim erstickt werden:

König Phillip war tatsächlich noch schwächer als gestern. Jakoba mühte sich trotzdem, einen hoffnungsfrohen Eindruck zu machen. Wieder erkundigte sie sich nach seinem Befinden, fühlte den Puls und fertigte einen Wickel an. Dann musste sie de Absud vorkosten, der so scheußlich schmeckte, dass sie ihn für den König mit guten Honig verrührte – und noch einmal  kosten musste.

Als Leser ahnst du, wie spannend die Medizin-Geschichte sein muss – helfen und heilen ohne den nach-aufklärerischen wissenschaftlichen Duktus, vielmehr durchmischt mit Kenntnissen so genannter rationaler Medizin und Quacksalberei, die ja bekanntlich viel mit Jahrmarkt und fieser Täuschung gemein hat. Für uns (Halb-)Wissende und Sensationslüsternde  ist die Darstellung mit Amüsement verbunden, auch wenn die Wirklichkeit grausam war. Nur gut, dass das alles so lange her ist.

Mich hat jene Szene beeindruckt, als es ein „massiger Mann“ im Prozess für Jakoba aussagt (noch ein Guter also):

Als er vor die Gelehrten trat, glühten seine Wangen. Ihm war anzumerken, dass er großen Respekt vor den Magistern hatte. Trotzdem sprach er mit fester Stimme. „Am Fest Johannes des Täufers wurde ich krank. Domina Jakob hat mich so oft besucht und mich so besorgt um mich gekümmert, dass ich ohne sie niemals kuriert worden wäre“, sagte er und drehte seinen Strohhut nervös in den Händen..

Schon dieser kleine Absatz zeigt, wie spannend Medizingeschichte im 14. Jahrhundert ist (worauf Sabine Weiß ja auch im Nachwort noch einmal verweist). Aber – und das ist doch interessant, wie viel davon eute noch übrig ist. Wenn wir von den Göttern in weiß reden, die es mindestens in den Achtzigern der Schwarzwaldklinik und im richtigen Leben noch gegeben hat, dann ist das ganze eben doch nicht mehr so lange her.

Im Roman passiert viel, für meinen Geschmack manchmal zu viel, was mich von der historischen Person nur noch weiter entfernt. Aber Frau Weiß hat eben keine Biographie geschrieben und wer sich etwas näher mit Jacoba, der Glücklichen auseinandersetzt, wird schnell erkennen, dass der Roman von der historischen Person wirklich nur inspiriert ist – nichts anderes schreibt der Verlag im Pressetext.  Wobei die eingeflochtene Liebesgeschichte in Paris trotz aller Klischees  und der Vohersehbarkeit  ganz schön ist (abgesehen vom traurigen Ende).

Jakoba fühlte sich ihm sehr nah. Roger war sehr ernsthaft und schien hohe Ansprüche an sich und andere zu stellen. Gleich bei der ersten Begegnung hatte sie sich von ihm angezogen  gefühlt, und jetzt konnte sie sich kaum mehr vorstellen, dass er der Verführer war, für die sie ihn gehalten hatte.

Dass es immer wieder Erinnerungen an den thematisch schrecklichen oder tragischen  Anfang gibt, macht alles nur noch menschlicher – wie sollte es auch anders sein?

Nach Willekins Tod hatte sie geglaubt, nie wieder Freude empfinden zu können. Und doch hatte sie von Neuem gelernt, das Leben zu lieben.

Weiß hat ein – wie ich meine – durchaus authentisches Mittelalterbild gezeichnet, dabei das Bild einer Frau, die sich selbst auch unter widrigsten Umständen treu bleibt: „Niemand kann von mir verlangen, die Heilkunst ganz aufzugeben“, sagt sie. Und so bleibt es dann auch. Die Sprache ist schnörkellos und  kann Leser wirklich packen, die Dialoge sind nachvollziehbar und wirken nicht – wie oft bei historischen  Romanen – tumb aufgesetzt. Weiß kann filmisch erzählen, die Bilder sind von Anfang an sichtbar. Bei mir hat das funktioniert, ich war schon vei der Leseprobe gefangen. Wer wissen will, wie es früher (in Ansätzen) ausgesehen hat, freut sich über den Text mehr als über einen Besuch auf einem eher folkloristischen Mittelaltermarkt, die mir – am Rande bemerkt – zunehmend auf den Geist gehen. Klare Empfehlung.

Sabine Weiß, Die Arznei der Könige, Bastei Lübbe 2018

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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