Premiere in La Fenice

Donna Leon, Venezianisches Finale

Ich bin seit Jahren auf dem Krimi-Tripp. Ich habe mich mit den Urkrimis beschäftigt, mit Poe natürlich und seinem Dupin, mit Doyle und Sherlock Holmes, dessen Gehilfen ich in Der Name der Rose traf und mit Christi, die Journalisten so sehr hasst, dass sie sie in all ihren Romanen hat sterben lassen. Dann kamen die Fälle aus dem ganz hohen Norden, Mankells Kurt Wallander hat mich Anfang der 2000-er Jahre fast „weggepustet“. Klasse: in all dieser Zeit aber hat mich Donna Leon mit ihren Brunettti-Romanen begleitet. 18 habe ich bisher gelesen und damit nicht einmal alle, die bis heute erschienen sind.

Per Zufall traf ich (beim Kochen wohlgemerkt) auf ein vorgelesenes Stück Venezianisches Finale, den ersten Roman der Reihe, die aktuell meines Wissens nach 29 Bände umfasst. Ich erinnerte mich an die erste Lektüre, ein altes Aha-Erlebnis. Das Buch – zunächst in englischer Sprache verfasst – hatte ich blöderweise erst elf Jahre nach dem Erscheinungsgjahr 1992 gelesen (blöderweise, weil ich heute in der Lektüre bestimmt schon weiter wäre). „Death at La Fenice“ hatte Leon das Buch betitelt – und sie beschreibt (selbst eine große Musik-Freundin) den Mord an Helmut Wellauer, seines Zeichens großer, vielleicht größter Dirigent des 20. Jahrhunderts. Wellauer ist einer, dessen „äußerer Glanz“ die dunklen Seiten überstrahlt, was als Motiv auch in diesem und in den folgenden Romanen fortgeführt wird –  über Schöner Schein hatte ich hier im Leseschwäche-Blog  bereits geschrieben.

Hier wie dort: Es ist und bleibt ein großes Vergnügen, die Personen-Zeichnungen Donna Leons zu lesen: Menschen, die sich selbst die Nächsten sind, im Fall des Venezianischen Finales etwa die Ichbezogenen, die Angstvollen und Verängstigten (weil sie ein ruhiges Leben haben wollen), jene Personen, denen der schöne Schein dennoch so ungemein wichtig ist. So wie – gewissermaßen ein Über-Charakter und bezeichnend für die komplette Reihe – der Vizequestore Patta, Brunettis direkter Vorgesetzter, ein aufgeblasener Gockel, der seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge ziehen kann, vielleicht auch deshalb, da er in seiner Verbohrtheit  die Schlinge gar nicht sieht. Denn ja: sie alle  wollen dazugehören, sie alle wollen Teil der Serenissima sein. Eine schöne Analyse dazu  bietet im Roman der Musikprofessor Rezzonico, der im übrigen selbst gerne „ins Dozieren“ kommt, nun ja, eine verständliche Berufskrankheit:

„Commissario, ich weiß nicht, wie gut sie das venezianische Publikum kennen, aber das größte Kompliment, das man ihnen machen kann, lautet: Es ist eine Horde von Affen. Sie gehen nicht ins Theater, um Musik zu hören, oder gute Sänger; sie gehen hin, um ihre neue Garderobe ausführen und von ihren Freunden gesehen zu werden, und diese Freunde sind aus dem gleichen Grund dort. Sie können die Dorfkapelle aus dem kleinesten Kaff Siziliens in den Orchestergraben setzen, und aus dem Publikum würde keiner den Unterschied hören.“

Und es ist schön, die Entwicklung des Ermittlers zu verfolgen: selbst ein grundehrlicher, aber eben auch ziemlich konservativer Charakter. Wohl aber so, dass er die Anderen „nach ihrer Facon“ leben lässt, wobei die eigene Gattin Paola ihn (und auch das ist immer wieder ein Spaß) als Literatur-Professorin die intellektuelle Richtung weist. Eine Aufgabe, die in Sachen junger Lebensnähe gern auch die Kinder übernehmen: Rafi und Chiara. Auch hier wieder: auf den ersten Blick eine Musterfamilie, auf den zweiten Blick durchaus eine Familie, die die Muster durchbricht. Wer die Romane chronologisch liest, erlebt die Phasen der Entwicklung mit – natürlich so, dass am Ende die Brunetti-Welt wieder hergestellt ist.

Dass immer ein fader Geschmack bleibt, gilt übrigens auch für die Lösung der jeweiligen Fälle. Die Welt ist eben nicht mehr so wie bei Mr. Holmes.

Ich mag den Schreibstil von Donna Leon, die Hintergründigkeit ihrer Darstellung: Im Venezianischen Finale tritt etwa jene kettenrauchende  Dotoressa auf, die sich nach kurzem Zögern meldet, als von der Bühne gefragt wird, ob ein Arzt im Publikum ist. Es ist. Schön dabei: Brunetti kommt während der Ermittlungen zum Schluss, dass dies der Moment ist, an dem  seine Arbeit und die Arbeit der Medizin von entgegengesetzten Seiten aufeinandertreffen. Dort wird gewissermaßen das Ende besiegelt, die Aufgabe ist bald erledigt. Bei ihm – beim Commissario – geht es weiter. Eine logische, aber nachdenkenswerte Erkenntnis, wie ich finde.

Venezianisches Finale ist ein gelungener Auftakt der Reihe. Ich kann mich nur wundern, wie groß der Ideenreichtum von Donna Leon auch über die vielen Jahre ist. Wenn sie bei ihrem Rhythmus bleibt, wird 2020 der nächste Brunetti erscheinen.

Donna Leon, Venezianisches Finale, Commissario Brunettis erster Fall, Roman, aus dem Amerikanischen von Monika Elwenspoek, Diogenes 1995

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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