Kampf um die Bohne

Tom Hillenbrandt, Der Kaffeedieb

Wer braucht schon Internet, wenn man Beziehungen hat? Wenn du weißt, wen du fragen musst, oder besser:  Wenn du weißt, wen du wo fragen musst? Die Geschichte, um die es hier geht, beginnt im Kaffeehaus und spielt in der jungen Neuzeit, Web Punkt minus ultimo oder so.

Nur diesmal steht es fest:  Die Dogmen haben Mauern gebaut. Umso sympathischer ist ein Freigeist wie Der Kaffeedieb Obedia Chalon, eigentlich ein Filou, einer, der weiß, wie man in der frühneuzeitlichen Welt überlebt: eben als Netzwerker. Als einer, der auf allen denkbaren Wegen kommuniziert, brieflich, aus zweiter Hand, übers Hörensagen – und in Chiffren, die er so raffiniert bastelt wie Jahrhunderte später bei Enigma. Und der mit Bonaventura Rossignol einen Gegner hat,  der sie zu entschlüsseln sucht  und in Diensten Louis XIV.  steht, König von Frankreich und Navarra, wiedergeborener Apoll, Rex Christianissimus und so vieles mehr. Aber Halt! Ich schweife ab. Schlecht – das kann Herr Hillenbrandt besser. Also zurück zum Hauptcharakter: Obedia ist ein moderner Typ. Eine Art neuer Mensch, ein Prototyp, plötzlich aus der Zeit gefallen.

Überhaupt ist die Geschichte ziemlich schnell erzählt: Alle verfolgen irgendeinen Zweck oder gerade ihren Widerpart. Dass es um Kaffee geht, ist die Schere zum Jetzt: Wir Verrückten versauen die Bohne mit Sahne – kaum zu glauben. Kaffee ist Gold oder Diamant, teurer als Safran, ein Geheimnis,  gehütet in einer anderen Welt. Wer ihn aus dem jemenitischen Mokka herausschmuggeln will, wird mit dem Tod bestraft. Die Kaffeepflanze: unerreichbar um 1680.

Aber nicht für Chalon, der London verlassen muss (weil es mit den Geschäften nicht so lief und er sich eigentlich umbringen müsste) und in Holland die alles entscheidende Lebensreise antritt. Verdeckt und verfolgt, rasend und flüchtend. Denn es gibt da diesen Polignac, der ihm auf der Spur ist, um ein Haar verreckt, aber eben ein Typ ist, der immer überlebt, ein Typ wie Bonds Beißer. Das Böse wird zur Fratze, auch äußerlich.

Dass die Gruppe Gestrandeter (die „Diebe“), die sich Chalon für die Abenteuerreise zum Kaffee zusammengesucht hat, ausgerechnet durch ein Erdbeben gerettet wird, wirkt etwas konstruiert, macht aber Spaß wie ein Abenteuerfilm von Steven Spielberg. Und nutzt eines dieser schönen Motive von Hemingway: der Fisch wird weniger. So wie die Pflanzen.

 

Tom Hillenbrandt hat die Geschichte wunderbar aufgeschrieben, intelligent, kurzweilig, wirklich ohne Längen, gut zu lesen, sprachlich klasse. Die eingespielten Briefe (später würden es E-Mails sein) machen Spaß. weil der Leser mehr weiß als Rossignol.  Der Kaffeedieb ist ein Katze-und-Maus-Spiel auf höchsten Niveau. Und wer seinen Kaffee nach der Lektüre schlürft, schlürft ihn irgendwie anders.

Tom Hillenbrandt, Der Kaffeedieb, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016 (gelesen als E-Book)

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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