In den guten alten Orient

Agatha Christie, Mord im Orient-Express

Das ist eben so schön an den Romanen von Agatha Christi: Die Leser werden mitgenommen auf  Reisen in weit entfernte Gefilde, die – gerade noch in den 1920er Jahren – pure Abenteuer versprachen. Für mich ist das ein Grund, Romane wie Tod auf dem Nil immer wieder zu lesen. Oder eben Mord im Orient-Express.

Dabei habe ich als heutiger Rezipient natürlich die Freude (oder die Qual), Hercule Poirot gar nicht mehr als Figur aus dem Buch zu interpretieren, sondern habe immer auch Peter Ustinov im Kopf. Hier sogar in der unglaublichen Variante, dass Ustinov den Mord im Orient-Express gar nicht gespielt hat, sondern Albert Finney 1974. Ustinov hatte den belgischen Meister-Ermittler im Tod auf dem Nil jedoch so phänomenal gut umgesetzt, dass er mich bei der Lektüre der Reihe immer begleitet, manchmal nur ganz leise, wenn die Handlung alles überbordet, manchmal aber auch ganz laut und deutlich, wenn er – was in jedem Fall der Fall ist – den Fall löst. Ein Phänomen übrigens, dass wir auch von Margret Rutherford und Miss Marple kennen – sicherlich nicht immer zum Vergnügen der Autorin.

Immer ist es der Umgang untereinander, der bei Christie beeindruckt und mit dem sie spielt; die Reichen sind reich und können sich eine Fahrt im Orient-Express leisten: Insofern schaut man als Leser nach oben, beneidet sie im ersten Augenblick um ihr Leben, wird aber im nächsten eines Besseren belehrt. Denn die Reichen könnten auch böse sein, fast alle (abgesehen immer vom Ermittler und seinen Helfern – so eben, wie sich das in einem anständigen Krimi gehört …). Befriedigend ist das für Leser, die nicht unbedingt der Aristokratie oder anderen „gehobenen Schichten“  angehören und wohltuend per Fingerzeig auf „die da“ verweisen können. 

Zwei Fragen beschäftigen Poirot und die Leser: Wer hat hier schon eine weiße Weste? Und wie ist das mir der Gerechtigkeit? Dass die Mitreisenden nach einfachen Erklärungen suchen (oder vielleicht suchen müssen) und der Tote zuvor durch einen Mörder umgebracht worden war, der bei dem erzwungenen Schnee-Stopp des Zuges flüchten konnte, würde das Bild nicht stören. Es wäre aber in Poirots Sinn auch nicht gerecht – und darum geht es beim Krimi ja auch immer: um die Lösung des Falles im Sinne der Gerechtigkeit.

Tatsächlich bietet der Ermittler zwei Varianten, von denen eine möglich und bequem wäre, die andere alles andere. Dass ich das „von mir selbst“ kenne, nämlich die einfache Lösung durchaus mal zu bevorzugen, hat die Lektüre für mich noch einmal aufregender gemacht. Natürlich auch die Zufälle, die Agatha Christie so wunderbar unkonstruiert einfließen lässt.

Also: Eigentlich hätte es für Poirot gar keinen Platz mehr im Orient-Express gegeben. Als Weltenbürger kennt er aber immer irgendwo jemanden, in diesem Fall natürlich Monsieur Bouc, ausgerechnet den Direktor der Eisenbahngesellschaft. Der wird Poirot dann auf der Reise auch um Hilfe bitten, als der amerikanische Gast durch zwölf Messerstiche um die Ecke gebracht worden war. Der Ermordete war kein unbeschriebenes Blatt, wie ein Brief-Fragment aus seinem Abteil zeigt: Cassetti hatte vor Jahren ein kleines Mädchen entführt und ermordet, konnte sich aber der gerechten Strafe entziehen.

Und jetzt also die große Frage: Wer hat für diese „Gerechtigkeit“ gesorgt? Ermittelt wird wieder im geschlossenen Raum des Zugabteils – irgendeiner muss es gewesen sein. Oder mehr, oder alle? Wer hatte Beziehungen zu Cassetti, wer kannte das kleine Mädchen, wer wusste Details? Ein schönes Spiel beginnt. Verdächtig sind wieder mal alle, wobei das Kollektiv (ohne spoilern zu wollen) eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Nur Dr. Stavros Constantine, der griechische Arzt, ist über jeden Zweifel erhaben und hilft Poirot und Bouc – siehe oben und denke an das Krimimuster Holmes und Watson.

Fein, dass bei Christie immer wieder die alt bekannten Randfiguren auftauchen. In welchem Roman fehlt eigentlich der ehemalige indische Armeeoffizier? Mord im Orient-Express ist ein großes Lesevergnügen, immer wieder und auch über 80 Jahre nach seinem Erscheinen.

Agatha Christie, Mord im Orient-Express, Ein Fall für Hercule Poirot, übersetzt von Otto Bayer, orig: Murder on the Orient Express, e-Book, Hoffmann und Campe, Hamburg 2014

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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