Großer Bruder hin und her

Klaus Schröter, Heinrich Mann

Manchmal stelle ich mir vor, es hätte Thomas Mann nicht gegeben. Fatal wäre das. Und schlecht für die Literatur und diese hochinteressante Familie. Aber wie hätte sich sein Bruder Heinrich entwickelt, wenn es nur ihn  gegeben hätte?  Eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Die ich mir aber stelle, wenn ich Literatur über (nicht von) Heinrich Mann lese. Der Bruderzwist ist eigentlich immer Thema. Natürlich auch bei Klaus Schröter und seiner Studie über Heinrich Mann.

Heinrich kann es nicht verknusen, dass Thomas  im Dezember 1914 den klar völkerrechtswidrigen Einfall der Deutschen in das neutrale Belgien gutheißt. Er spricht dann von Recht und Konvention, sieht ein Urteil der Majorität. Und Heinrich? Der habe als einziger sogleich erkannt, dass hier die letzte Konsequenz aus dem Machtstaatsgedanken des 19. Jahrhunderts gezogen war, schreibt Schröter und zitiert: „Aber was ist Macht, wenn sie nicht Recht ist?“ Und Heinrich formuliert später:

Ein Reich, das einzig auf Gewalt bestanden hat und nicht auf Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit, ein Reich, in dem nur befohlen und gehorcht, verdient und ausgebeutet, des Menschen aber nie geachtet ward, kann nicht siegen …

Thomas Mann war es, der die Erwiderungen offenbar sehr persönlich genommen hat, ließ sich immer wieder zu Denunziationen herab. Schon vor dem Kapitel mit der „Kriegsschuld“, danach erst recht. Erst in späten Jahren nähern sich beide einander an,  vielleicht auch, weil es die Lebensumstämde so wollen. Heinrich ist nach dem Selbstmord seiner Frau Nelly vereinsamt und sucht die Nähe seines Bruders.

Viele Jahre zuvor waren die großen Werke enstanden, Der Untertan, dessen Qualität Schröter nicht in Zweifel zieht, anderes schon. De Fortsetzung etwa, die schon zuvor erschienen war.

Noch bevor indessen der Untertan herauskam, erschien 1917 seine Fortsetzung, Die Armen, der Roman des Proletariers, wie sein Untertitel lautet. Er wurde hinzugefügt, als Heinrich Mann seine Werkreihe mit dem Roman Der Führer, Der Kopf, 1925, abgeschlossen hatte und nun als die Romane der deutschen Gesellschaft im Zeitalter Wilhelm II. unter dem Gesamttitel Das Kaiserreich zusammenfasste. Kurt Wolffs Idee, dass der Untertan „ausgebaut“ werden müsse, war damit ausgeführt. Heinrich Mann hatte sich vorgesetzt, die Kritik der Symptome in ihren gesellschaftlichen Erscheinungen zu einer Kritik der sozialen und politischen Grundlagen des Kaiserreichs zu erweitern. Allein, dieses Vorhaben misslang in dem Maß, in dem seine idealistischen Anschauungen ihn hinderten, die Komplexität der wirtschaftlichen Bedingungen der Klassengesellschaft zu erkennen.

Schröter ist beileibe kein Mann-Fan, dazu ist seine Betrachtung zu distanziert. Mir hat sie aber trotzdem gefallen, da Heinrich Mann schlüssig in seine Zeit eigebunden und so verständlicher wird. Das iist auch notwendig, da Heinrich von Anfang an eins ehr politischer Schriftsteller war, der – mehr als alle Geschwister – die Gabe der Prophetie hatte. Er konnte, so Schröter, aus „dem gegenwärtigen das zukünftige Unheil wohl folgern“.  Den bürgerlichen Schriftstellern sei er weit voraus gewesen. Auch seinem Bruder Thomas.

Schröters Studie gibt es antiquarisch als RoRoRo-Monographie oder neu als E-Book, wobei man hier auf Bilder verzichten muss, nicht allerdings auf Selbstzeugnisse. Leider hat der Verlag die Bildmonographie-Reihe eingestellt, was ich ausgesprochen schade finde.

Klaus Schröter, Heinrich Mann, Rowohlt e-Book, Hamburg 2018

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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