Genießen ist gescheit

André Heller, Uhren gibt es nicht mehr

Der jüngere Mensch (nicht der ganz junge) hat dann doch zwischendurch Angst vorm Alter. Vorm  Sterben und diesem ganzen Unsinn. Ich frage mich zuweilen, wie ein wirklich alter Mensch fühlt, wie er oder sie zurückschaut. Gute Einblicke gibt ein neues Buch von André Heller, diesem schillernden Alleskönner aus Österreich.

Dabei geht es nicht nur um Heller selbst, der ja gerade mal seit 1947 auf Erden wandelt, mehr noch um seine Mutter, die jetzt 104 Jahre alt ist. Gespräche in ihrem 102. Jahr hat Heller aufgezeichnet, was sich bei der Lektüre als wahrer Glücksfall erweist. Seine eigene Beziehung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Als erstaunlich opportunistisch habe er seine Mutter  damals empfunden, bereit, den Mächtigsten recht zu geben, gleichzeitig aber als eine, die begeistert war von jenen, die gegen den Strom schwammen. Heute schaut sie abgeklärt auf alle und alles, muss niemandem irgendetwas beweisen – und überhaupt: kann wirklich sagen, was immer sie will.

Ihr Sohn, so sagt sie es heute selbst, lebe in der Phantasie, sie hingegen in der Wirklichkeit. Heller bleibt das „unbegreifliche Kind“ – eine Rolle, die er gerne spielt. Und in der er sich wundert und freut,  dass die 99-Jährige ihr Selbstverständnis noch einmal neu gestaltet: „Sie sah sich und die Welt mit gütigeren Augen, ihre Gedanken und Taten wurden harmonischer und leichter.“

Die Lebensspanne von Elisabeth Heller beeindruckt – der Blick aufs Früher, auf Größen wie Manon Gropius, die Tochter von Alma Mahler. „Die war auch so schön und ist ganz jung, so mit zwanzig, an Kinderlähmung gestorben.“ Und wenn Elisabeth zu Besuch war, sei dort Franz Werfel gewesen. Und der habe wilde Geschichten erzählt und „dabei hat man seine schwarzen Zähne gesehen.“ Und Franz Lehár habe Klavier für sie gespielt: „Da ist ihm manchmal der Staubzucker vom Schnurrbart gerieselt. Er hat gern Mehlspeisen, Krapfen oder so etwas, gegessen, die übervoll mit Zucker waren.“ Dann die Begegnungen mit Karl Kraus: „Der war einmal in der Eilergasse auf der Dachveranda zum Tee.“

Der Tod ist Thema, manchmal beiläufig, dann tiefergehend, vom „Durchschlupf“ redet sie. André Heller sagt es selbst: „Es ist die schwierigste Übung deines Lebens, das Loslassen. Revolten gegen den Tod sind sinnlos, Energieverschwendung. Der Tod gewinnt am Ende in hundert Prozent der Fälle.“ Ja, das wisse sie – und weist auf das „lange, lange Warten“ hin. Und zuvor: „So vieles ist unwürdig. Das ganze sinnlose Am-Leben-Sein ohne die alte Lebendigkeit.“ Vor 40 Jahren hätte es vielleicht Sinn gemacht, den Zeitpunkt des Todes selbst zu bestimmen, jetzt mache das keinen Sinn mehr, es zahle sich nicht mehr aus. Und dann dieser wunderbare Satz, der mich fast schon an Nestroy erinnert, dann aber wohl typisch wienerisch ist: „Das Körperwerk soll in Gottes Namen auslaufen, bis halt der letzte Tropfen Benzin verbraucht ist.“ Dazu passt dann auch die Feststellung ein paar Seiten später: „Die ganz Jungen sind tot und die Alten sowieso.“ Diese Logik gefällt mir. Und auch die späte Bitte um Dankbarkeit: „Man soll überhaupt sehr dankbar sein. Dem Regen, dass er regnet, den Vogerln, dass sie fliegen und zwitschern, den Kastanienbäumen, dass sie so schön blühen.“ Eigentlich, so sagt Elisabeth Heller, sei gar nichts selbstverständlich.

Hilfreich sind die Erkenntnisse: Dass man zum Altwerden Disziplin braucht, ahnen wir alle. Doch fürs Leben sei Verständnis gut, Genießen sei gescheit, gütig solle man sein. Und schwimmen wäre hilfreich: „Sonst geht man unter.“ Wertvoll auch das späte Wissen, dass „im ganzen Leben zu wenig auf die Nebenwirkungen geschaut wird, auch bei dem Partner und was den Kindern zugemutet wird.“

Hellers Buch gefällt mir, weil es die Erfahrungen aus einem langen Leben so intensiv wiedergibt: Elisabeth antwortet nebenbei pointiert, manchmal genervt (was der Wahrheit nicht zuwider läuft), oder frotzelnd liebevoll.  Uhren gibt es nicht mehr  hilft den Jüngeren, gelassener durch die Zeit zu gehen. Und vielleicht auch ein wenig von der Angst vor dem eigenen Ende zu nehmen. Und die Hoffnung zu geben, dass dieses Ende vielleicht so entspannt sein kann wie bei Elisabeth Heller, die Gewissheit hat: „Ich glaube, die Knoten sind fast alle aufgelöst, lange dauert es nicht mehr.“

Für mich sind es natürlich nicht nur die ganz persönlichen Sichtweisen von Elisabeth Heller, die ich interessant finde, es ist  auch die Zeit, in der sie schon gelebt hat. Und so ist Hellers Buch (was er möglicherweise gar nicht beabsichtigt hat) auch ein Geschichtsbuch: Wie haben Menschen die Kaiserzeit empfunden, wie den Ersten Weltkrieg, wie das äußere Sein.  Im Regal – wenn man denn ein ordnungsliebender Mensch ist – würde sich das neue Buch von Heller neben alten Büchern von Werfel oder auch Schnitzler, von Hofmannsthal oder dem – was zeitlich früher liegt, aber doch irgendwie passt –  dem bereits genannten Nestroy gut machen.

Überhaupt ist das Buch nicht zuletzt eine Aufforderung an uns alle: Redet mit den Eltern. So oft es geht. Und sind wir doch mal ehrlich: es geht oft. Es gibt Jahre, da wollen viele vielleicht nicht sein wie sie – es gibt aber auch Zeiten, in denen sie uns Antworten geben können. Und dann gibt es Zeiten, in denen das alles zu spät ist.

Insgesamt achtzehn Gespräche gibt Heller mit seiner Mutter wieder, viel mehr hat es gegeben, manche auch zu persönlich, um sie der Öffentlichkeit zu schenken.  Ich hoffe für die Hellers – und vielleicht auch für uns – noch auf viele weitere.

André Heller. Uhren gibt es  nicht mehr, Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr, Paul Zsolnay-Verlag, Wien 2017

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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