Ein bisschen Ove

Fredrik Backman, Ein Mann namens Ove

Die Beckmesser sind überall. Sie spähen Nachbarn aus, schreiben Listen und rufen die Polizei, wenn es mal wieder zu laut wird. Fredrik Backman kennt solche Typen auch – und hat einen von ihnen ganz besonders in den Blick genommen.  Er hat über Ove gebloggt und daraus seinen Debut-Roman gebastelt. Der ist zwar keine Offenbarung, aber durchaus lesenswert.

Verständnis hat Grenzen. Wann die beginnen (oder überschritten sind), ist sicherlich eine ganz individuelle Angelegenheit. Ove steht für den braven Bürger, der nach Recht und Gesetz lebt und niemals (aber auch niemals) gegen Obrigkeiten aufbegehren würde. Jedenfalls nicht gegen die, die ganz offiziell als Gesetzgeber und Regelmacher bestimmt wurden.  Natürlich nur von ganz kompetenten Leuten, die ihrerseits  Westen tragen, die (natürlich) völlig fleckenlos sind. Weder mit schwarzen noch braunen Verschmutzungen, wenn ihr versteht, was ich meine.

Letztlich ist Ein Mann namens Ove die Offenlegung eines  bedauernswerten Charakters.  Mich selbst hat diese Typbeschreibung nicht überrascht, was möglicherweise an meinem Alltag liegt. Die Oves tauchen nicht nur in Schweden ziemlich häufig auf, heißen hier natürlich anders und fahren auch keinen Saab, manchmal aber den von Ove gehassten BMW. Also: nicht einmal einen Volvo. Geht ja gar nicht. Hier wie dort fahren sie auch manchmal einen Franzosen – was zu einem Leben voller Probleme beitragen wird. Schlimm das alles.

Schön bei Backman ist die Beschreibung der Tragik, die hinter der Figur Oves steckt, die während des Lesens immer klarer wird und die tatsächlich dazu beiträgt, dass man den Menschen sieht,  weniger den Typus. Und man sieht, dass ihm dieser Typus im Wege steht, dass es einen zweiten Ove gibt, einen äußeren, einen anderen. Erst als ich den Roman fast zuende gelesen hatte, musste ich an  die  fantastische Geschichte von Robert Louis Stevenson denken: Der seltsame Fall des Dr. Jeckyll und Mr. Hyde. Keine Komödie wie bei Backman, aber Stevenson beschreibt das seither literarische  Dauerthema gespaltener Persönlichkeiten. Backmans Strategie ist es hingegen, sich darüber lustig zu machen, was ihm in der Tat gelingt. Und so gelingt es auch, dass der wahre Ove die Sympathien gewinnt – weil er im tiefsten Inneren und fernab des Ove-Ballasts wirklich weiß, was wichtig ist: Menschlichkeit,  Verständnis, Freundschaft, Beziehungen also, besonders die zu seiner verstorbenen Frau, gleichermaßen der zweite Hauptcharakter in Backmans Buch: Sonja ist die übergeordnete Wahrheit, für Ove ist sie – natürlich neben der Prinzipientreue – die höchste Instanz, sie ist die Philosophin. Sie erklärt, das Unzulänglichkeiten ein Zuhause zum Zuhause machen, die kleinen Tricks, die nur derjenige kennt, der hier wohnt. Ein Zuhause ist kein Zuhause von der Stange. Sonja ist die Wahrheit.

Und überhaupt: die Wahrheit.  Wenn Oves Blick verschränkt ist, wenn er verbohrt ist, hilft ihm und uns der Erzähler auf die Sprünge.  Backman macht das gut, wenn  er den Dauerkonflikt mit Rune beschreibt, mit Rune, der eigentlich auch ein Ove ist. Irgendwie. „Vielleicht hätte die Trauer über die Kinder, die nie geboren wurden, die Männer einander nähergebracht. Aber Trauer war auf gewisse Weise unzuverlässig. Wenn Menschen sie nicht teilten, konnte sie Menschen teilen.“ Oves eigene Tragik macht das Buch menschlich, Sonjas Tod, sein Alter und die  Arbeitslosigkeit. Zuletzt hat er nur noch seine Prinzipien. Und wenigstens denen kann er treu bleiben. Nach außen hin. Und im Angesicht des eigenen Todes, den er zwischendurch immer mal wieder heraufbeschwört. Und damit den Willen, sich herauszunehmen aus dieser Welt, die den Ove-Prinzipien untreu wird. Eine andere Lösung kann es nicht geben – muss es aber letztlich, da es die Prinzipien gibt. Ein Teufelskreis also, der – wie schon bei Backmans finnischem Kollegen Arto Paasilinna – immer wieder schmunzeln lässt. Sonja muss warten, vorerst noch.

Dass Fredrik Backmans Buch manchmal  etwas anstrengend ist, liegt vielleicht auch an der ständigen Wiederholung des Namens Ove in allen Kapitelüberschriften. Aber dieses Nerven ist bei solchen Leuten  Programm. Vielleicht muss man es ertragen. Und ertragen, dass ein bisschen Ove auch in uns steckt.

Fredrik Backman, Ein Mann namens Ove, übersetzt von Stefanie Werner, Weltbild 2015

 

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

2 Gedanken zu „Ein bisschen Ove“

  1. Hallo,
    das ist eine sehr schöne Buchbesprechung! Für mich war dieses Buch ein Lesehighlight in 2016! Ich habe es als ungekürztes Hörbuch gehört und es war ein Erlebnis, da der Sprecher das Buch zum Kino für die Ohren gemacht hat. Ich habe mich sogar getraut die Verfilmung anzuschauen und muss sagen, auch diese hat mir sehr gefallen und mich berührt. Ove ist auf seine Art einmalig und darf jetzt auch als gedrucktes Buch in meinem Regal verweilen.
    Viele Grüße vom Monerl

    1. Dank für Lob und Kommentar. Ein Mann namens Ove war bestimmt nicht das letzte Buch, das ich von Fredrik Backman gelesen habe. Und den Film habe ich auch auf der Liste. Ich bin gespannt.

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