Die Wucht des Realen

Steinunn Sigurðardóttir, Heiðas Traum

„Wenn ich ein paar Tage kein Tier streicheln kann, fehlt mir was“, sagt Heiða und liebt ihr hartes Leben als Schäferin. Doch dieses Leben ist bedroht. Ein Stromkonzern will ihre Heimat zerstören, will Staudamm und Kraftwerk bauen. Ausgerechnet hier in Island. „Freiheit und Natur bedeuten mir alles“, sagt Heiða , die in Steinunn Sigurðardóttir ihre internationale Stimme gefunden hat.

In ihrem Heimatland Island ist Sigurðardóttir längst eine berühmte Schriftstellerin. Mit der der wahren Geschichte um Heiðas Traum begeistert sie mittlerweile auch die deutschsprachigen Leser und Kritiker. Elke Heidenreich war begeistert: „Es ist, als würde man ein Fenster öffnen und in eine neue Landschaft, in unerhörte Leben schauen.“

Heute kann sie sich ein Leben ohne Tiere nicht mehr vorstellen: Heiða Guðný Ásgeirsdóttir kämpft für die Natur und gegen den Energiekonzern.  Sigurðardóttir erzählt Heiðas Leben in poetischen Worten, voller Poesie und dennoch in der Nähe eines Dokudramas, fast journalistisch, reportagehaft. Denn für Heiða gibt es kein besseres Leben als den harten Alltag, die langen Tage auf dem Traktor, die einsamen Winter.

Hinterwelt? Bestimmt nicht! Als jüngere Frau wurde Heiða Guðný Ásgeirsdóttir von einer einer Modelagentur entdeckt und lebte das Jetset-Leben vor der Kamera. Doch dieses Leben wurde unerträglich und eng, ermüdete sie mehr als jede Heuernte. „Ich habe es nie bereut, nicht weitergemacht zu haben, und würde nicht tauschen wollen. Die Berufserfahrung, die ich mittlerweile besitze, ist mir viel wichtiger als ein paar Jahre Modelkarriere“, sagt Heiða. „Ich habe keine Zeit, mich nackt im Tau zu wälzen, wie man es dem Volksglauben nach in der Mittsommernacht tun soll, um heilende Energie zu tanken. Ich muss nachts schlafen und wäre viel zu müde dafür.“

Und dann die knallharte Realität: Das Energieunternehmen Suðurorka will einen Staudamm in der Schlucht Rásgljúfur bauen – auf Heiðas wichtigstem Weideland, das auf diese Weise unter einem künstlichen See verschwinden würde. In der Tat: Island ist Weltspitze im Bereich der erneuerbaren Energie. Staudammprojekte sind deshalb von enormer Bedeutung, geraten aber immer wieder in die Kritik.

Auch Heiða stellt sich gegen den Konzern. „Ich denke, Heiða ist eines der besten Vorbilder, die wir uns für junge Frauen wünschen können, in Deutschland, in Island, überall auf der Welt“, sagt Steinunn Sigurðardóttir. Und: „Sie hat ihr Leben und ihr Schicksal selbst in die Hand genommen, und das ist etwas, was vielleicht seltener ist, als wir denken. Ich habe von jungen Frauen gehört, die weder mich noch Heiða kannten und die offen sagten, dass Heiða ihr Vorbild geworden sei.“ Und Heiða selbst: „Ich möchte den Menschen zeigen, dass viele Lebensentwürfe möglich sind. Bleibt nicht auf den ausgetretenen Pfaden und lasst euch von niemandem vorschreiben, wie ihr euer Leben richtig zu leben habt.“

Der eiserne Wille war es dann auch, der die Schriftstellerin so beeindruckt hatte, dazu „ihre Sturheit und Freundlichkeit, ihre intellektuelle Brillanz und die Kreativität, mit der sie ihr Leben meistert, und die ihre Gedanken und ihre Sprache prägen.“

Die 1950 geborene Steinunn Sigurðardóttir, die in Dublin Psychologie und Philosophie studiert hat, arbeitete bis in die achtziger Jahre als Journalistin und lebt heute in Berlin. Mit ihrem Roman „Herzort“, im Original „Hjartastaður“, gewann sie 1995 den Isländischen Literaturpreis. Ein großer Erfolg war auch der Roman „Der Zeitdieb“, der 1998 in Frankreich unter dem Titel „Voleur de vie“ verfilmt wurde. 2011 erschien der Roman „Der gute Liebhaber“.

Steinunn Sigurðardóttir, Heiðas Traum, Hanser 2018

 

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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