Der Schmerz wirkt weiter

Horst Selbiger, Verfemt – Verfolgt – Verraten

Der Schmerz ist noch da. Auch nach über 70 Jahren. „Du bist ein Gezeichneter dein ganzes Leben lang“, sagt Horst Selbiger, und: „Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen.“ Nahezu zwei Jahre hatte der heute 90-Jährige an seinem Buch gearbeitet, fast jeden Tag. Den „Abriss seines Lebens“ nennt er Verfemt – Verfolgt – Verraten, sogleich verbunden mit der Aufforderung: „Fragt uns, wir sind die Letzten! Wenn wir nicht mehr sind, ist alles nur noch papierne Geschichte.“

Und Selbiger ist einer, der gefragt werden will, der berichten kann, der erlebt hat. Zum Beispiel die „Fabrikaktion“, eine Razzia, bei der die Nazis die längst zwangsbeschäftigten Juden abgeholt haben. Und über den Protest der Nicht-Juden, die es tatsächlich geschafft haben, dass diejenigen, die bereits auf der Auschwitz-Liste standen, weiterleben durften.

Für Selbiger zeigt das, welche Wirkung Mut und Hartnäckigkeit haben können. Zugleich werfen die Ereignisse ein beschämendes Bild auf diejenigen, die weggeschaut, die Beifall gezollt haben oder an der Ermordung beteiligt waren.

Texte wie die von Selbiger sind schon deshalb so wertvoll, da sie keine Geschichtsbücher sind, die Ereignisse in sich isoliert betrachten. Vielmehr zeigt sein Buch „Verfemt – Verfolgt – Verraten“ die lebenslange Wirkung dessen, was er als Kind und Jugendlicher durchlebt hat. Und es zeigt noch mehr, wenn Selbiger selbst daraus liest.

Die Chancen, Holocaust-Überlebende kennenzulernen und mit ihnen über Geschichte aus der Ich-Perspektive zu sprechen, werden kleiner. Horst Selbiger weiß das, stellt sich in den Dienst der schmerzhaften Wahrheit, spricht mit jungen, mit alten, mit allen Menschen. Umso ehrenwerter sind die Bestrebungen der Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge, Zeitzeugen nach Petershagen zu holen. Diese Angebote sollten wir nutzen. Solange es noch geht.

Dagmar Lieblovà hatte ihre Erinnerungen aus Theresienstadt in Petershagen vorgestellt. Sie ist dieses Jahr in Prag im Alter von 88 Jahren gestorben. Horst Selbiger lebt – und hat angekündigt, mit den Child Survivors nach Petershagen zurückzukommen.

Auf der Buchmesse in Leipzig hatte er aus seinem Buch gelesen, danach im Alten Amtsgericht. „Praktisch eine Premiere“, wie Marianne Schmitz-Neuland, Vorsitzende des Vereins Alte Synagoge, in ihrer Begrüßung meinte. Und Selbiger ist kein Schwächelnder, er liest laut, zuweilen wie ein Schauspieler, wenn die Nazis ihre Befehle brüllten. Aber es war kein Schauspiel, keine Fiktion, es war tödlicher Ernst. Und auch Selbiger war schon für Auschwitz vorgesehen. „Es tut gut, dass Sie mir zuhören“, sagte er am Ende der Lesung, eingebunden in den Besuch der Child Survivors Deutschland, die sich seit vier Jahren regelmäßig in Petershagen treffen und deren Ehrenvorsitzender Horst Selbiger ist.

Ehre hatte er als Kind nicht erfahren, jedenfalls nicht von den Nazis. Liebe schon, von Esther zum Beispiel, seiner ersten Freundin: „Ja, alles an ihr war schön, und alles mit ihr war schön. Wir waren beinahe unzertrennlich geworden.“ Und dann war die Kindheit vorbei: „Nach Schließung aller jüdischen Schulen begann im Sommer 1943 unsere Zwangsarbeit als 14-Jährige.“ Und weiter: „Esther musste auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee arbeiten, Gräber für Selbstmordopfer ausheben und weibliche Leichen waschen.“ Die Selbstmordrate unter den Juden, so schreibt es Selbiger, war zu dieser Zeit sehr hoch. Er selbst musste in einem Rüstungszulieferbetrieb arbeiten und mit gefährlich-stinkenden Chemikalien Flugzeugteile entfetten. „Die anderen Arbeiter kamen dafür Sonderzuteilungen an Vollmilch und Butter, die Juden selbstverständlich nicht.“ Und dann gab es den letzten gemeinsamen Tag, die letzte gemeinsame Nacht für Horst und Esther. „Es war zugleich der Himmel mit uns und die Hölle um uns.“ Am 1. März 1943 wurde Esther abtransportiert: „Ich wollte sie nicht loslassen, aber all unsere Liebe, all unsere Kraft der Umarmungen hielten uns nicht zusammen.“

Wie Schlachtvieh seien 1722 jüdische Menschen in Güterwagen verladen worden, „gingen auf eine traurige, mitunter Tage dauernde Fahrt in das Vernichtungslager Auschwitz.“ Mit hoher Wahrscheinlichkeit, so vermutet Horst Selbiger, wurden sie mit dem gesamten Transport sofort ins Gas geschickt.

Selbiger musste derweil mit seinem jüdischen Vater im Sammellager Rosenstraße ausharren – ein Kapitel aus seinem Buch, das er in Petershagen nicht las, das aber nicht weniger bemerkenswert ist: „Ausgesondert“ wurden nämlich all diejenigen, die mit christlichen Ehepartnern verheiratet waren und deren Kinder jüdisch erzogen wurden. Dagegen demonstrierten an die 4000 Angehörige, auch Selbigers Mutter und die Großeltern mütterlicherseits, ihr Ruf: „Lasst unsere Männer frei!“ Der Mut der Demonstranten, so Selbiger, wurde belohnt, auch er bekam seine Entlassung. „Wie durch ein Wunder“, so sagt er heute, sei er mit dem Leben davongekommen und „durfte“ als Zwangsarbeiter Gefahrenstellen nach Luftangriffen beseitigen.

Schon die Geschichte um Esther hat das Publikum in Petershagen tief beeindruckt. Horst Selbiger hatte nach dem ersten Kapitel und in der Stille danach vorgeschlagen, den Abend damit zu beenden. Alle waren dankbar, dass er dann doch weiterlas: den „Schwur von Buchenwald“ etwa, der „statt eines Vorworts“ am Beginn seines Buches steht: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht“, heißt es da. Und er nannte teils bekannte Namen derer, die als ehemalige NS-Mitglieder in der jungen Bundesrepublik erneut Machtpositionen besetzten.

Selbiger macht sich Sorgen, wenn er heute auf Deutschland blickt. Im Interview, das ich für das Mindener Tageblatt geführt hatte, sagte er: „Die Meinungen von Holocaustleugnern kümmern mich nicht. Aber dass 20 bis 25 Prozent der Deutschen – und fast auch der Europäer – nach der Shoah noch immer Antisemiten sind, das belastet mich schon schwer. Aber damit sind auch 75 bis 80 Prozent keine Judenhasser, oft schämen sie sich für ihre Vergangenheit. Und damit sind wir die Mehrheit.“ Und seine Botschaft an junge Menschen: „Wenn je etwas aus dieser grausigen deutschen Geschichte für junge Menschen gelernt werden sollte, dann wären es die Änderungen der eigenen Verhaltensweisen: Das Lernen von Verantwortung, Mitgefühl, Solidarität, Zivilcourage – und wenn nötig – Verweigerung und Widerstand.“

Horst Selbiger, Verfemt –  Verfolgt – Verraten – Abriss meines Lebens, Spurbuchverlag Baunach 2018

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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