Der letzte Gedanke

Edgar Hilsenrath, Das Märchen vom letzten Gedanken

Mein erster Gedanke war Das Märchen vom letzten Gedanken. Als ich jetzt vom Tod Edgar Hilsenraths erfuhr, musste ich an dieses Buch denken und an eine persönliche Begegnung, die ich mit dem Autor im Januar 1990 in Herford hatte. Damals war Hilsenrath auf Lesereise und ich fand sein Buch, das ich bald darauf gelesen habe, grandios.

Meddah ist der Märchenerzähler im Kopf von Thovma Khatisian. Der wiederum liegt im Sterben und bekommt jetzt – anhand der Lebenswege seines Vaters – die Geschichte des armenischen Volkes erzählt. Sie ist der letzte Gedanke.

Ich hatte von der Lesung Anfang 1990 aus der Zeitung erfahren. Nur eine Notiz. Hilsenrath werde nach Herford kommen und aus seinem neuen Roman lesen. Ich fand mich pünktlich ein, saß neben dem bildungsbürgerlichen Publikum (meist entzückte ältere Damen, wahrscheinlich ehemalige Lehrerinnnen oder Industriellen-Gattinnen) und kam mir irgendwie verloren vor. In der Zeitung hatte noch etwas über den Kreuzgang des armenischen Volkes gestanden, was (und das ist mir heute fast peinlich) der kleinere Grund für meinen abendlichen Besuch in der Bchhandlung war. Ich bin ganz ehrlich: Ich wollte als junger Germanstik-Student endlich mal einen richtigen Schriftsteller kennenlernen – nicht die schlauen Tutoren, die alles wissenden Professoren, nicht die Mitstudenten, die ohnehin schon jeden kennen und selber auch Texte geschrieben haben. Literarische Texte, nicht wie ich: nur Termine für die Zeitung. Und was soll ich sagen? So war Edgar Hilsenrath, so kam er mir vor. Wie ein Grass, wie ein Walser, wie einer aus einer ganz eigenen Welt. Und dann diese herrliche Baskenmütze. Ein Revoluzzer.

Mit leiser Stimme begann er im Dämmerlicht zu lesen. „Ich bin der Märchenerzähler in deinem Kopf. Nenne mich Meddah.“ Und schon war ich gepackt, aufmerksam, hing an den Lippen, vergaß die Bildungsbürgerinnen um mich herum und hörte nur noch Das Märchen vom letzten Gedanken. Dann nach der Lesung ging ich zum Büchertisch, nahm das Buch, bewegte mich fast schleichend zu Herrn Hilsenrath und ließ mir die Ausgabe signieren. Er wirkte jetzt etwas müde und – wie ich fand – auch ein wenig verwirrt. Kein Wunder, dachte ich, der kennt mich ja auch nicht. Der Stift, den er sich nach kurzer Suche aus seiner Tasche griff (ich war offenbar der erste an diesem Abend, der den Namen im Buch haben wollte), funktionierte nicht richtig, was mich noch heute schmunzeln lässt, wenn ich fast 30 Jahre später die etwas hingekrakelte Unterschrift lese. Ja, dachte ich damals, das ist ein Schriftsteller, ein starker Typ, der etwas zu sagen hat. Das bisschen Klischee hat mir gut getan. Und ich wusste einmal mehr: Literatur wird immer mein Thema sein.

Alles führt zum Völkermord an den Armenien 1915, jenem grauenvollen Ereignis, das Gefahr lief, angesichts anderer Verbrechen im 20. Jahrhundert tatsächlich in den achtziger Jahren in Vergessenheit zu geraten. Zwischen 300.000 und anderthalb Millionen Menschen waren während der Massaker und Todesmärche ums Leben gekommen. Die Armenier waren durch die Türkei verdächtigt worden, mit dem Kriegsgegener Russland zu kollaborieren. Die Türkei, im Ersten Weltkrieg Bündnispartner des Deuschen Kaisrerreichs, hatte zunächst Priester, Politiker und Künstler in Istanbul verhaften lassen, was Auftakt zu systematischer Vertreibung und Vernichtung war.

1990 hatte ich nur ungefähre Vorstellungen von den Ereignissen, war deshalb über diese Tatsache nach der Hilsenrath-Lektüre beschämt. Vergessen habe ich den Roman – wie so viele andere – dann nicht mehr.

Es ist die naive Sprache des Märchens, die die grausame Realität um ein vielfaches verstärkt. Dem Leser wird angesichts der durchaus naiv wirkenden Erzählweise zugestanden, dass er mehr wissen muss oder (und das ist die Crux) wissen sollte. Diese Diskrepanz sorgt für einen Spannungsaufbau, der bis zur letzten Seite deutlich macht: Was hier beschrieben wird, kann doch eigentlich gar nicht passiert sein. Doch, genau das ist es, macht Hilsenrath deutlich. Man ahnt, dass dieses Märchen der grausamen Wahrheit entspricht und nicht gut ausgeht. Dass die alte Formel nicht stimmt: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Sie sind auf schreckliche Weise gestorben und geistern höchstens noch in den Köpfen ihrer Peiniger umher. Wirklich? Wenigstens das, will uns Hilsenrath sagen. Und wenn alles vorbei ist, wenn dieser letzte Gedanke vor dem Tod gedacht ist, beginnt die eigentliche Geschichte.

Dass die nicht vorbei ist, hat nicht zuletzt die peinliche Diskussion um den Begriff Völkermord gezeigt, belastend für die ohnehin belasteten Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland. Lange wurde der Begriff vermieden, doch wer sich mit den Fakten auseinandersetzt, kann nur zu einem Schluss kommen: es war ein Völkermord. Und Deutschland kann sich nicht aus der historischen Verantwortung herausmogeln.

Als der letzte Gedanke seines Vaters zum ersten Mal erblickte, dachte er: Der Meddah hat recht. Er ist wirklich nicht tot, obwohl die Türken ihn aufgehängt haben. Aber sie haben ihn nicht am Halse aufgehängt, sondern nur an den Beinen. Und die Tatsache, dass er verkehrt hängt, sollte dich freuen, denn Beine haben kein Genick, und wenn sie brechen, ist das nicht tödlich.

Edgar Hilsenrath, geboren am 2. April 1926 in Leipzig, wuchs als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Halle auf. Die Mutter und sein Bruder flohen vor den Nazis nach Rumänien, der Vater und Edgar wollten nachkommen. Doch dann kam der Krieg und die Familie fand sich im Ghetto Mohyliw-Podilskyj wieder. Hilsenrath überlebte den Holocaust und kam nach Palästina, lebte in Frankreich, USA und ab 1975 der deutschen Sprache wegen wieder in Deutschland. Bekannt wurde er durch seinen Roman Der Nazi und der Friseur, der 1971 in den USA und 1975 in Deutschland veröffentlicht wurde – so spät, weil sich hierzulande zunächst kein Verlag gefunden hatte. Hilsenraths Thema: die Innensicht des SS-Massenmörders und KZ-Aufsehers Max Schulz, der nach Israel auswandert, um unbehelligt zu bleiben.

Edgar Hilsenrath starb am 30. Dezember 2018 in Wittlich.

Edgar Hilsenrath, Das Märchen vom leztzten Gedanken, Piper, München 1989.

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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