Das Moor ist der Raum

Arthur Conan Doyle, Der Hund von Baskerville

Ich liebe dieses unglaubliche Krimi-Prinzip verschlossener Räume. Ich mag die Abgrenzung des Tatorts, das unvollständige Wissen um den Mörder, die Qual, dieses Wissen zu vervollständigen. Und ja, ich mag die Gabe des Vergessens, die mich alte, uralte Krimis noch einmal lesen lässt. Die ich vor Jahrzehnten nicht aus der Hand legen konnte. Die ich jetzt (eigentümlicherweise mit noch größerem Genuss als früher) noch einmal lese. So wie Der Hund von Baskerville von Arthur Conan Doyle. 

Dabei ist mir der Übersetzungsfehler erst jetzt aufgefallen. The Hound of the Baskervilles heißt es im originalen Fortsetzungsroman, der zwischen 1901 und 1904 erschienen ist. Die ersten deutschen Übersetzungen sprachen vom Hund von Baskerville, was aber eigentlich (was mittlerweile auch gern beachtet wird) Der Hund der Baskervilles heißen müsste. Achtung Klugscheisserwissen: Denn diese Spitzfindigkeit ist mir – ehrlich gesagt – egal. Ich habe ohnehin vieles abgeschüttelt, was mir das abgeklärte 20. und 21. Jahrhundert geschenkt hat, habe versucht, all die schlechten Krimis, die ich gelesen habe, zu vergessen – und ich muss sagen: mit Conan Doyle gelingt das wirklich.  Und es würde auch gelingen, wenn ich spoilern würde, euch erzählen, wer am Ende der Mörder war und was es mit dem Hund auf sich hat. Wahrscheinlich wisst ihr es ohnehin. Und trotzdem bleibt das Buch lesenswert. 

Das liegt natürlich an der alten Sprache (auch in der alten  Übertragung), die das Buch wie einen Schwarz-Weiß-Film mit schlechtem Lichtton erscheinen lassen. Ja , dieses Wissen habe ich nicht abgeschüttelt, sondern abgerufen, um die Atmosphäre noch dichter zu machen. Doyle beschreibt so wunderbar altmodische Charaktere, die es längst nicht mehr gibt, aus einer Welt, die vielleicht noch ein bisschen besser war als die heutige. Und die wir uns – träumerisch wie Kinder und gerne unrealistisch – ab und zu zurückwünschen. Aber auch, weil wir wissen, dass Wünschen diesmal nicht hilft und es uns mit der Nicht-Erfüllung höchstwahrscheinlich besser geht. In der Buchwelt aber ist bekanntlich alles möglich.

Noch immer gefällt mir die Beschreibung der Lebenswelt eines Sherlock Holmes: das aristokratische England mit all seinen Lächerlichkeiten, die Männerfreundschaft zwischen Holmes und Watson, der kombinierende Schlaue auf der einen Seite, der staunende Watson auf der anderen, die wir ja beide in Der Name der Rose wiedergefunden haben. Für mich schreibt Arthur Conan Doyle sozialwissenschaftliche Geschichtsbücher, die hundert mal authentischer sind als jede Jahreszahlentabelle. 

Ganz schlimm: Während des English Cicil War, der zwischen 1642 und 1649 tobte, hatte auch Hugo Baskerville jeden Anstand vergessen, sich besoffen und eine junge Frau zu Tode gehetzt, weil die ihm nicht zuwillen sein wollte. Baskerville bekam immerhin seine gerechte Strafe und wurde in der Nähe seines Landsitzes von einer Bestie zerfleischt. Die treibt seitdem – so jedenfall weiß es der allwissende Volksmund – im Moor ihr gruseliges Unwesen.

Wie nun aber der Nachfahre Hugos, nämlich der alte Sir Charles Baskerville, ums Leben gekommen ist, kann sich zunächst keiner erklären. Die Folge: Der letzte Abkömmling der Familie reist aus Kanada an und muss das Herrenhaus übernehmen und verwalten. Irgendwas stimmt hier nicht, weiß auch Henry Baskerville und setzt sich noch einmal mit dem Testamentsvollstrecker Dr. Mortimer auseinander. Von dem erfährt er dann, dass am Todesort von Charles Baskerville seltsame Tierspuren gefunden worden sind.

In London erreicht Henry zudem ein anonymer Brief, der ihn vor dem Moor warnt. Jetzt wird es Zeit, Sherlock Holmes einzuschalten, der dann erstmal „von außen“ das Personal der Kriminalgeschichte absteckt. Wie eine Marionette wird Watson durch die Szenerie geführt, der seinem „Chefermittler“ Rede und Antwort steht und so erzählt und berichtet, dass er – Watson – gar nicht ahnt, was er – Watson – wissen könnte.

Ich finde es schon beeindruckend, wie Sherlock Holmes selbst die Szenerie „in Person“ betritt und halte das für eine der schönsten Abschnitte des Buches. Natürlich auch die Auflösung des Falles, die ich hoffentlich bald wieder vergesse, um den Hund von Baskerville noch einmal zu lesen.

Arthur Conan Doyle, Der Hund von Baskerville, Deutsch von Heinz Kotthaus, in: Sir Arthur Conan Doyle, Die Sherlock-Holmes-Romane, Ullstein. Berlin 1987

Autor: Oliver Plöger

1967 geboren, in Vlotho aufgewachsen. Dort Abitur, anschließend zwei Jahre Bundeswehr in Hamburg, Flensburg, Idar Oberstein. Anschließend Studium der Germanistik, Literaturwissenschaften, Erziehungswissenschaften. Magister Artium. Volontariat beim Westfälischen Anzeiger. Redakteur beim Vlothoer Anzeiger, heute in der Redaktion des Mindener Tageblatts.

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